Flüchtlingskrise loves MMA – Nachbetrachtung zum Welt-Artikel!

Minderjährige Flüchtlinge haben in Deutschland viele Auflagen zu befolgen. Ungeachtet dessen hat sich der Flüchtling Moustafa A. am 10.12.16 auf dem Weg nach Berlin gemacht, um dort in der Mercedes Benz Arena bei der Eventreihe WLMMA für einen MMA-Fight bis 66 kg einzuspringen (Bild: Auch bei WLMMA gabe es früher Ringgirls via KG).

Das Ende ist den meisten deutschen MMA-Fans bekannt: Er brach sich bei dem Fight zu Beginn der zweiten Runde doppelt den Kiefer. Erst vor der Fahrt ins Krankenhaus soll laut Welt seine Minderjährigkeit aufgedeckt worden sein. Unsere Infos basieren auf einem Bericht, dem die große deutsche Tageszeitung WELT dem Vorfall gewidmet hat sowie einen zweiten zusammenfassenden Artikel der Westfalenpost.

Das Ironische an dem Vorfall ist, dass es genau WMMA trifft, welche ihre Events bekanntlich mit einer preußischen Genauigkeit abwickeln. Wie in einer perfekt inszenierten Theateraufführung ist alles minutiös durchgetaktet, was für einen Cage Fight Event fast schon etwas steril wirkt, auf der anderen Seite aber auch von Professionalität zeugt. Sogar auf Ringgirls und unnötige Showelemente verzichtet man, alles soll bei WLMMA im Zeichen des Sports stehen – dafür hat sich die Organisation mitsamt ihren Verantwortlichen stets nach außen stark gemacht.

Niedrige Gagen bei WLMMA-Events

Warum die Reihe WLMMA trotz niedriger Gagen große Hallen in den deutschen Metropolen füllen kann, bleibt für viele Personen immer noch ein Rätsel. Wir können nicht nachvollziehen, wie viel den Kämpfern gezahlt wird, da dies Gegenstand privater Verträge bleibt. Eine niedrige Kampfgage bedeutet jedoch nicht zwangsweise, dass ein Kämpfer ausgebeutet wird, sondern spiegelt meist dessen Kampferfahrung wieder. So wird ein Newcomer mit einem Kampf Erfahrung weniger Geld bekommen als ein Veteran mit zehn Kämpfen auf dem Buckel. Da man in der MMA-Welt die Kampfbilanz eines jeden Kämpfers über die Datenbank Sherdog finden kann, kann man so einerseits faire Kampfpaarungen gestalten und die Kämpfer angemessen bezahlen. Niedrige Gagen sind in der Regel mit einer geringen Erfahrung der Kämpfer gleichzusetzen, was bedeuten würde, dass viele der Kämpfer bei WLMMMA aus dem Newcomerbereich stammen, soweit die Behauptung denn stimmt, dass niedrige Gagen dort an der Tagesordnung wären.

Wir haben uns die Mühe gemacht die Sherdog-Bilanzen von WLMMA 27 vom 10.12.16 mit der von Sprawl and Brawl 3 vom 23.04.16 zu vergleichen, ein aufstrebender regionaler Event, der bisher nicht außerhalb von Berlin veranstaltet hat. Schon beim Durchsehen der einzelnen Kämpferprofile wird klar, dass sich die Erfahrung der meisten Kämpfer in etwa deckt. Der Sherdog-Mainevent von WLMMA 27 hat eine addierte Gesamtbilanz (d.h. die Bilanzen beider Kämpfer zusammengenommen) von 5 (Siegen) zu 5 (Niederlagen). Das Duell bei Sprawl and Brawl 3 liegt hier mit 11 zu 6 klar vorne!

Der von der Bilanz betrachtet beste Kämpfer bei WLMMA 27 hat aktuell eine Bilanz von 7 zu 0, bei Sprawl and Brawl 3 mit 7 zu 2. Die Daten sind somit sehr ähnlich. Die Hallengröße hingegen unterscheidet sich enorm, fand Sprawl im Brawl in der deutlich kleineren Tennishalle Weißensee statt.

Das Ergebnis überrascht die Insider nicht, beide Events liegen in etwa gleichauf in puncto "Kämpferqualität". Nun kommt allerdings eine Eigenart des Kampfsports ins Spiel, der sich von den meisten Geschäftszweigen unterscheidet. Mit einer "sinkenden" Qualität kann der Unterhaltungseffekt steigen. Wer das mal selbst nachvollziehen möchte, soll sich einfach mal einen Amateurboxevent in einem Bierzelt ansehen und sich dann an einige Titel-Pflichtverteidigungen der Klitschko Brüder zurückerinnern. So wird klar, warum es durchaus sehr spannend sein kann, topmotivierte Newcomer auf dem Weg nach oben zu bestaunen. Bei einem Event in der Mercedes Benz Arena muss man aber zwanghaft an die UFC denken (und daher an professionelle Kämpfer und vergleichsweise hohe Gagen), bei welcher sich viele der Aktiven vom 10.12.16 glücklich schätzen würden, wenn sie die Matten im Aufwärmbereich aufbauen dürften, möchte man es überspitzt darstellen. Nichtsdestotrotz gibt WLMMA der Erfolg Recht. Außerdem kommt hinzu, dass viele MMA-Neueinsteiger und Zuschauer vermutlich ohnehin nicht abschätzen können, wie die technische Ausbildung der Kämpfer ist. Dies ist auch der Grund, weshalb keine großen UFC-Kämpfer nach Deutschland kommen, nach dem Motto - Perlen vor die Säue werfen. Der kapitalistische Ansatz ist daher in der doch sehr idealistisch geprägten deutschen Kampfsportszene sogar erfrischend.

Fehlende Verbandsstrukturen in Deutschland

Das zweite Thema des fehlenden Verbandes in Deutschland ist leidig. Im Prinzip haben wir viele Verbände in Deutschland, wobei die meisten nur mit wenigen Eventserien kooperieren. Viele davon tun dies jedoch mit sehr großem Erfolg und bieten eine hohe Professionalität. Die Existenz eines Verbandes hieße auch nicht, dass automatisch jeder diesem Verband beitreten würde, oder sich an die Regeln hielte. Man vergleiche nur die Politik in anderen Kampfsportarten (Karate, Taekwondo, Boxen), bei denen verschiedene Verbände existieren. Von einem Level wie bei der UEFA/FIFA (mit entsprechenden bindenden Regelungen und Sanktionen) sind wir in Deutschland noch weit entfernt.

Ob man HIV-Tests und Dopingschnelltests auf dem nationalen Level schon benötigt, ist diskussionswürdig. Für eine Vielzahl der deutschen Events ist es aber auch schlichtweg strukturell und kostentechnisch nicht umsetzbar. Die meisten der Veranstalter betreiben das MMA-Geschäft nebenberuflich, und dafür ist die Qualität in Deutschland ohnehin sehr hoch. Man wird nahezu keinen seriösen Veranstalter hierzulande mehr finden, der nicht über medizinische Checks am Kampftag, geschulte Ringärzte, Sanitäter und sogar einen Cutman verfügt - die behördlichen Auflagen werden meist übererfüllt.

Und WMMA braucht sich hierbei sicherlich vor keinem Event in Europa verstecken, sie haben durch ihre Professionalität vielmehr bewirkt, dass deutsche Events nachziehen mussten.

Dennoch gibt es unserer Ansicht nach eine Schwachstelle in Deutschland, welche eigentlich ein übergeordnetes Organ erfordert. Es ist die Freigabe von Kämpfen, insbesondere bei kurzfristigen Ausfällen. Hier treffen das wirtschaftliche Interesse und die sportliche Vernunft der Veranstalter aufeinander. Man muss den regionalen Star bei einer Spontanabsage nachbesetzen, auch wenn man oftmals weiß, dass der neue Gegner zu schwach ist. Genauso gab es Fälle wo Kämpfer mit einer 5 zu 0 Bilanz gegen Sherdog-Debütanten antraten. Vielleicht können sich einige an den Fight von Dennis Siver in Stockholm bei der UFC erinnern. Sein geplanter Ersatzgegner Taylor Lapikus hat von der schwedischen MMA-Verband keine Freigabe bekommen, da er als zu Unerfahren erachtet wurde. Hätten wir ein derartiges Organ in Deutschland würden aufgebauschte Bilanzen und unnötige Verletzungen vielleicht schnell der Vergangenheit angehören. Zumindest aber wäre uns der Welt-Artikel erspart worden.